„Berlin und Paris sind an dem Sieg der Ukraine nicht interessiert“ Im politischen Tanz mit dem Kreml

Von Ekaterina Quehl
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Andrej Piontkowski ist russischer Mathematiker, Politiker und internationaler Journalist. Er hat mehrere kritische Beiträge und Bücher über Putins Politik veröffentlicht, darunter auch das Buch „Another Look into Putin’s Soul“. Er war Mitglied des Koordinierungsrates der russischen Opposition sowie der Vereinigten Demokratischen Bewegung Solidarnost, in der er sich zusammen mit oppositionellen Politikern Russlands wie Gari Kasparov und dem ermordeten Boris Nemzow für einen demokratischen Weg Russlands eingesetzt hat. 2016, nach der Veröffentlichung eines kritischen Beitrags über den Tschetschenien-Krieg, wurde er von dem russischen FSB verfolgt und musste das Land verlassen. Heute lebt er in den USA. In Bezug auf aktuelle Entwicklungen im Ukraine-Krieg vertritt er die Meinung, dass Deutschland, Frankreich und Italien an dem Sieg der Ukraine kein politisches Interesse haben. Seine Argumente, die ich für sehr plausibel halte und die für mich die Verzögerungen der Waffenlieferungen an die Ukraine seitens Deutschlands und Macrons offensichtliche Verteidigung von Putin („Wir dürfen Putin nicht demütigen“) zumindest zum Teil erklären, habe ich für Sie hier übersetzt. 

Deutschland und Frankreich sind an einem Sieg der Ukraine keinesfalls interessiert. Sie handeln aus ihren eigenen nationalen Interessen. Denn was würde der Sieg der Ukraine in diesem Krieg bedeuten? Er würde eine Umstrukturierung der internationalen und europäischen Systeme in Sachen Politik und Sicherheit mit sich bringen. Nach jedem Weltkrieg – und es ist ein Weltkrieg – haben die Siegermächte die Weltordnung neu gestaltet. So war es nach den Napoleonischen Kriegen beim Wiener Kongress; so war es nach dem Ersten Weltkrieg auf der Pariser Friedenskonferenz und so war es in Potsdam nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Siegermächte nach diesem Krieg werden die Ukraine, die Vereinigten Staaten und Großbritannien sein. Frankreich und Deutschland werden nicht mal daneben stehen. Deren Rolle wird irrelevant sein, also bedeutungslos.

Sehen wir uns es etwas genauer an. Nehmen wir zuerst Frankreich.

Frankreich wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Stalin zu einem Sieger auserkoren. Sowohl Roosevelt als auch Churchill waren entschlossen dagegen. Man könnte es als eine der genialsten Langzeit-Spezialoperationen Stalins bezeichnen, denn de facto rekrutierte er damit die damalige französische Elite als ein sogenanntes „Trojanisches Pferd des Kremls“ im Westen. Den Grundstein legte schon de Gaulle. Der sogenannte „de-Gaullismus“, der sich bei allen nachfolgenden französischen Präsidenten fortsetzte, bedeutete nichts anderes als den Vereinigten Staaten in jeder Frage zu widersprechen, ihnen Probleme zu bereiten und gleichzeitig mit dem Kreml zu flirten. Weil die Franzosen ihre Niederlage im Zweiten Weltkrieg verstanden, begannen sie, dies mit endlosem Gerede über die Größe Frankreichs zu kompensieren. Dies nannten sie dann „la Grandeur de la France!“. Ihre ganze „Größe“ bestand aber darin, die Amerikaner anzubellen und ihren Schutz und ihre Schirmherrschaft auszunutzen. Sie konnten den Amerikanern nicht verzeihen, dass sie sie im Ersten und im Zweiten und auch im Kalten Krieg gerettet haben… Das ist zu viel für den französischen Stolz. Deshalb dieses Spiel: Als Vermittler in den Beziehungen zwischen dem Westen und dem Kreml aufzutreten. Nach dem Sieg der Ukraine würde der Kreml aber für die Weltpolitik bedeutungslos sein und Frankreich würde seine Rolle als Vermittler verlieren.

Deutschland hat hingegen andere Interessen. Deutsche sind praktisch denkende Menschen. Und nach Hitler beschäftigen sie sich nicht mehr mit „Größe und Ehrgeiz“. Hitler war der letzte, der von „Größe und Ehrgeiz“ Deutschlands redete. Heute geht es Deutschland ums Geld und Geschäft. Deutsche machen natürlich einen kolossalen Gewinn aus den besonderen Beziehungen zu Moskau: sowohl in Bezug auf die deutsche Wirtschaft als Ganzes als auch in Bezug auf das Wohlergehen einer ganzen Menge spezieller einzelner Bürger, einschließlich eines ehemaligen Bundeskanzlers und so weiter. All dies wird im Fall des Sieges der Ukraine ebenfalls zusammenbrechen.

Frankreich und Deutschland werden ihre sehr privilegierte, hochgeschätzte Rolle verlieren. Sie kämpfen nicht, um Putin zu gefallen (zum Teil aber auch darum). Sie kämpfen, um ihre exklusive Rolle in der Weltpolitik, die auf ihrer besonderen Beziehung zu Moskau beruht, nicht zu verlieren. Darin sehe ich den Grund für einen so hektischen Druck auf die Ukraine und das Bestreben, den gemeinsamen Plan von Putin, Macron, Scholz und Draghi durchzusetzen. Jetzt fehlt nur noch, dass sich diese großen Vier irgendwo treffen, um ihre Initiative der Welt offiziell vorzustellen.

David
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Bild: Florence Gallez/Shutterstock
Text: eq/Gast
Übersetzung: Ekaterina Quehl

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