Katar 2022: Schaulaufen der Gratismut-Helden in der Wüste Bier-Verbot, Binden-Streit, Kniefall

Von Kai Rebmann

Jetzt also doch: Auch die nicht gekauften Fans aus aller Welt, die den Weg zur Wüsten-WM in Katar gefunden haben, werden auf dem Trockenen sitzen. Der Weltverband FIFA hatte sich den Ausschank von Bier vor und nach den Spielen in speziell ausgewiesenen Fanzonen zwar garantieren lassen. Aber: Da lacht der Scheich – und kassiert die Zusage kurzerhand zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel wieder ein. Und wenn Katar morgen sagt, dass Frauen nicht ins Stadion dürfen, dann ist das so und die FIFA könnte auch dagegen nichts machen. Allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz ist es mehr als offensichtlich, dass sich in Katar nichts, aber auch rein gar nichts geändert hat. Und warum auch? Hat wirklich jemand ernsthaft geglaubt, das Emirat würde plötzlich ein weltoffenes Land? Nur weil die FIFA eine weitere WM meistbietend verkauft hat, dieses Mal eben an einen der unwirtlichsten Orte auf diesem Planeten?

Der Weltverband der Fußballer in seiner heutigen Form darf wohl mit gutem Recht als eine der korruptesten Organisationen der Geschichte bezeichnet werden. Hier von „mafiösen Strukturen“ zu sprechen, würde der Sache nicht gerecht – so wild treibt es nicht einmal das organisierte Verbrechen. Der FIFA-Pate Gianni Infantino residiert in Zürich und gibt sich als unantastbarer Diktator über den Weltfußball. Verwundern kann das kaum, denn schließlich ist der 52-jährige Schweizer bei seinem Landsmann und Amtsvorgänger Sepp Blatter in die Lehre gegangen und hat dieses Handwerk aus dem Effeff gelernt. Sogenannte „Wahlen“, sei es die des Präsidenten oder eben eines WM-Gastgebers, geraten bei der FIFA regelmäßig zur Farce.

So funktioniert das „System FIFA“

Aktuelles Beispiel: Bei der „Wahl“ des nächsten FIFA-Präsidenten im März 2023 in Kigali (Ruanda) wird Infantino als einziger Kandidat antreten. Zahlreiche Verbände aus Europa haben dem Amtsinhaber zwar ihre Unterstützung entzogen, so unter anderem der DFB, dennoch sind ihnen die Hände gebunden. Auch wenn Europa der Nabel der Fußballwelt ist, haben die UEFA-Mitglieder nur rund ein Viertel aller Stimmen. Und hier kommt eine weitere Besonderheit des FIFA-Systems zum Tragen. Jeder der 211 Nationalverbände hat genau eine Stimme, das Votum der Amerikanischen Jungferninseln hat also ebenso viel Gewicht wie jenes von Deutschland oder England. Zum Vergleich: Nicht ohne Grund haben Bayern oder Nordrhein-Westfalen im Bundesrat mehr Stimmen als Bremen, Hamburg oder das Saarland.

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Nach diesem Muster laufen bei der FIFA, die offiziell übrigens ein gemeinnütziger Verein ist, praktisch alle „Wahlen“ ab. Man nehme etwas Geld in die Hand, reise einmal durch die Karibik und nach Afrika – fertig ist die satte Mehrheit auf dem nächsten Kongress. Die WM 2022 in Katar wurde zwar noch durch ein sogenanntes Exekutivkomitee vergeben, was aber nicht bedeutet, dass deshalb weniger Geld im Spiel war. Eher das Gegenteil dürfte wohl der Fall gewesen sein. Laut Evaluierungsbericht hatte Katar damals nach objektiven Kriterien die schwächste Bewerbung eingereicht, nicht zuletzt die Temperaturen von weit über 50 Grad im Sommer galten als KO-Kriterium. In der Ausschreibung war als Termin unmissverständlich der Zeitraum Juni/Juli 2022 verankert. Dennoch wurde die WM in die Wüste vergeben, die Verlegung in den Winter erfolgte erst im Nachgang und war erst durch gewaltige Verschiebungen im internationalen Spielkalender möglich geworden.

Gutmenschen bringen sich in Stellung

Und auch alle weiteren Kritikpunkte, die gegen Katar vorgebracht werden, waren zum Zeitpunkt der WM-Vergabe bereits bekannt. Ob es das Kafala-System ist, das Alkoholverbot oder die Ablehnung von Homosexualität – all das war und ist mehr oder weniger fester Bestandteil der arabischen Kultur. Man muss das nicht unterstützen, aber man sollte es zumindest respektieren, wenn man dort zu Gast ist. Es ist bezeichnend, wenn ausgerechnet die Bewohner der grünrotlila Blase sich am meisten über die Zustände in Katar beschweren, sich aber gleichzeitig wünschen, dass Deutschland sich durch den Zuzug von Migranten aus eben diesem Kulturkreis doch bitte so schnell und so drastisch wie möglich ändern möge.

Ebenso entlarvend und heuchlerisch sind die Boykottaufrufe der Medien, die jedem Fan ein schlechtes Gewissen einreden wollen, falls dieser sich erdreisten sollte, doch den Fernseher anzuschalten. Wäre es da nicht konsequent, wenn die betreffenden Medien selbst mit gutem Beispiel vorangehen und überhaupt nicht über das Turnier berichten würden? Und was ist mit den Spielern, den Hauptakteuren einer jeden WM? Ist es ausreichend, wenn sich Manuel Neuer eine sogenannte „One Love“-Kapitänsbinde um den Arm schnallt? Welchem Gastarbeiter oder welchem homosexuellen Pärchen soll das etwas bringen? Die Aktion wird auch nicht deshalb glaubwürdiger, weil sich weitere Verbände wie die Schweiz, England, Belgien, Dänemark, Wales oder die Niederlande daran beteiligen. Warum sind diese Spieler nicht einfach zu Hause geblieben, wenn sie die Zustände in Katar so unerträglich finden? Ach ja, richtig, dann hätte man ja auch auf die – im Fall der DFB-Kicker – sechsstelligen WM-Prämien verzichten müssen.

Also nichts wie rein in den Flieger und ab in die Wüste. Zumindest die Bayern-Profis, die in den Kadern der WM-Teilnehmer stehen, wissen ohnehin, dass Geld nicht stinkt, nur weil es aus Katar kommt. Die Qatar Airways ist seit dem Jahr 2018 Werbepartner des Serienmeisters und im Winter zieht es den FC Bayern München regelmäßig ins Trainingslager nach Doha. All dies und wohl noch vieles mehr gilt es zu bedenken, wenn wir in den kommenden Wochen Fußballer sehen, die den Kniefall proben, bunte Kapitänsbinden tragen oder in schwarzen Trikots auflaufen, um gegen die seit Jahrzehnten bekannten Sitten im Land ihres selbst gewählten Gastgebers aufzubegehren. Oder um es mit den Worten von Franz Beckenbauer zu sagen: „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“
amzn

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Shuttserstock

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